Galerien und überdachte Passagen Reliquiare aus unserer Zeit

In diesen Passagen – oder Durchgängen – wurden Ende des XVIII. Jahrhunderts die ersten „Läden für modische Neuheiten“ eröffnet. In solchen Läden wurden zum ersten Mal und an einem Ort die unterschiedlichsten Waren feilgeboten, die zu einer noch prachtvolleren Ausstattung der Toilette von Madame beitragen konnten: kostbare Stoffe, Seidengewebe, Bänder, Borten, Schmuckknöpfe, Hauben, Spitzen und kunstvolle Blumengebinde. Auch der elegante Herr konnte hier alles finden, was er für ein gepflegtes und elegantes Aussehen benötigte: Handschuhe, Hüte, elegante Schals. Diese Fülle an Luxuswaren war zum ersten Mal nicht mehr nur in kleinen Verkaufsbuden zu finden: sie wurden im Gegenteil für alle sichtbar zur Schau gestellt und in Schaufenstern kunstvoll präsentiert. Auch die Fassaden der Läden, die diese Fülle anbieten, konnten dank des raschen technischen Fortschritts bei der Verarbeitung und Herstellung von schmiedeeisernen Elementen, Schaufenstern oder Auslagen aller Art sowie Malereien ins rechte Licht gesetzt und damit Merkur, dem Gott des Handels, gehuldigt werden.

Die Ladengalerie glich den Galerien in den Patrizierhäusern im Marais: mit Arkaden und Kapitellen, jahreszeitlichen Allegorien, Putten und Cupido sowie allem, was Merkur, den Gott des Handels, symbolisierte. Durch diese glänzenden und vergoldeten Fassaden, die der Passage einen eigenen Rhythmus verleihen und jedem Laden ein eigenes Gepräge geben, flanierte der neugierige und von der ersten Gasbeleuchtung wie geblendete Spaziergänger durch eine hochherrschaftliche Kulisse: ein solches Gefühl konnten ihm seine alltäglichen Lebensumstände nicht geben – und es lohnte sich.

Passage du Grand Cerf (© Rob Kieffer)

Heute erinnern uns einige dieser Pariser Passagen zuweilen an Reliquienkästchen aus ferner Zeit.

Galerie Verdeau (© Rob Kieffer)

Ein Reliquiar ist ein Schmuckkästchen oder eine Schatulle, worin die Überreste eines Schutzheiligen sicher aufbewahrt werden. Es ist häufig aus wertvollem Holz oder Metall gefertigt und mit raffinierten Einlegearbeiten verziert. Ein solches Kästchen muss sorgfältig und behutsam behandelt werden, denn es birgt einen wertvollen Schatz. Es hat symbolischen Wert und eine besondere, geheimnisvolle Macht, denn seine schützende Kraft wird sich auf den Besitzer dieses Kästchens übertragen.

Modeartikel oder modisches Zubehör (Kleider und Accessoires wie Schuhe, Schmuck, Schals, Handtaschen) haben für manche Menschen eine geradezu „religiöse“ Bedeutung. Was ist zum Beispiel ein „it-bag“? Der Begriff „it-bag“ tauchte in den 90er Jahren auf und ist ein „Muss“, d.h. eine Tasche, die man haben muss, wenn man zu einem bestimmten Kreis gehören möchte. Wie lässt sich diese Macht erklären, der nichts zu widerstehen vermag, weder ein exorbitanter Preis noch eine lange Schlange vor dem Geschäft, das dieses Objekt verkauft, wo junge und weniger junge Menschen stundenlang anstehen können, um das „Objekt ihrer Begierde“ zu erwerben Und, wovor schützt dieses „magische“ Objekt, wenn wir es schließlich besitzen?

Passage Jouffroy (© Rob Kieffer)

Um sich in seiner ganzen Schönheit präsentieren zu können, braucht dieses „magische“ Objekt einen ganz eigenen, besonderen Rahmen. Die Passagen, die zwar altmodisch sind aber an dieser Stelle im Mittelpunkt unseres Interesses stehen, sind der ideale Ort für eine solche Inszenierung. Nach den „it-bags“ haben wir heute die „it-shoes“, d.h. Schuhe, die man haben sollte, wenn man es weit bringen möchte, ohne sie notwendigerweise auch anzuziehen. Wenn wir die Stufen hinaufsteigen, die in die kleine Passage „Les Deux Pavillons“ führen, entdecken wir zwei Schuhgeschäfte: die „Bar à chaussures“ von Derville, ein Hersteller von Herrenstiefeln, und „Rupert Sanderson Shoes“, ein englischer Hersteller von luxuriösen Damenschuhen. Die Schaufenster beider Läden liegen sich gegenüber. Das des Herrenschuhgeschäfts, das maßgeschneiderte Hightech- Schuhe präsentiert, ist eingerahmt von Säulen, die denen des Palais-Royal nachempfunden sind. Das des Damenschuhgeschäfts wirkt wie ein verehrungswürdiges Objekt, das in einer durchsichtigen Schatulle im luftleeren Raum schwebt.

Wo sind wir jetzt? Stehen wir vor einem Schaufenster, einem Museum oder vielleicht einer Kunstgalerie? Dieses Verwirrtsein ist Teil des Charmes der Besichtigung. Noch ein paar Schritte weiter und wir stehen vor einem Brillengeschäft – oder ist es ein Optiker? Hier werden manuell hergestellte, passgenaue Brillen verkauft. Kein Zweifel: wir haben es mit einem Künstler zu tun, denn die „hohe Kunst der Brillenfertigung“ wurde von La Maison Bonnet erfunden. Wir stehen also vor einer Kunstgalerie und die Kunst hat – wie die Liebe – keinen Preis. Wer würde es einem Journalisten oder einer Journalistin verübeln, wenn sie ihre monatlichen Bezüge in einem Kunstwerk anlegten?

Ein Entdeckungsspaziergang